Vor über 60 Jahren übersiedelte der Schuhmacher Helmut Dietrich mit seiner Ehefrau
Martha und der kleinen Tochter Christine vom erzgebirgischen Schlema nach
Heinrichsort. Er hatte sich 1942 selbständig gemacht und begann unter schwieri-
gen Bedingungen mit Hilfe seiner Frau mit der Herstellung von Hausschuhen.
Doch nach dem Krieg wurde aus dem romantischen und weltberühmten Radiumbad
Schlema durch den aufkommenden Wismut-Bergbau nach und nach eine Mond-
landschaft, und es herrschten dort chaotische Verhältnisse, so dass sich das junge Paar entschloss, sich anderswo eine Bleibe zu suchen.
Ein Freund aus Gersdorf riet ihnen, sich dort niederzulassen, dort standen Ge-
werberäume und Wohnraum zur Verfügung. Doch als Vater Helmut mit seinem
Motorrad auf dem Weg nach Gersdsorf durch Heinrichsort fuhr, gefiel ihm dieser
kleine Ort recht gut, und so fragte er kurzentschlossen beim damaligen Bürger-
meister nach freien Räumlichkeiten.
Dieser konnte ihm diese anbieten, und seitdem werden in Heinrichsort Haus-
schuhe hergestellt.

Im Raum Chemnitz gab es ab der 50er Jahre fast 30 solcher kleinen Produktions-
betriebe, die unter der Regie einer Genossenschaft in Chemnitz arbeiteten. Heute
kann man sie an einer Hand abzählen, so schätzt die jetzige Inhaberin, Christine
Müller, ein. Sie übernahm 1976 den kleinen Betrieb von ihrem Vater, der aus Alters- und Gesundheitsgründen seine Schusterschürze an den Nagel hängte.
Auch der Ehemann der jetzigen Inhaberin, Peter, stieg dann 1977 mit in den Be-
trieb ein.

„In der Zwischenzeit sind wir schon zweimal umgezogen. Der elterliche Betrieb
wurde nach der Wende zu klein, weil etliche Maschinen angeschafft werden
konnten. So mieteten wir uns in einem ehemaligen Malitex-Betrieb in Heinrichsort
ein“, erzählt der Ehemann der Inhaberin. „Doch es ärgerte uns immer, monatllich
die hohen Mietkosten aufbringen zu müssen, und so waren wir immer auf der
Suche nach etwas Eigenem“.
Diese Gelegenheit bot sich 2001, als eines der ältesten Gebäude von Heinrichsort
zum Verkauf stand. Es war der frühere Gasthof Decker und spätere Ferienheim
der HO Wittenberg auf der Prinz-Heinrich-Straße 28.
Mit viel körperlichem und finanziellem Aufwand entstand nun das jetzige Do-
mizil des kleinen Familienbetriebes.

Zur Zeit arbeiten hier nur Familienmitglieder, nämlich das Ehepaar Müller, Sohn und Nachfolger Jens Müller und der Firmenchefin jüngere Schwester Renate. Diese schätzt ebenfalls die guten Arbeitsbedingungen und familiäre Atmosphäre.


Hergestellt werden natürlich die traditionellen „Walker-Hausschuhe“, die schon
über 50 Jahre produziert werden, und der Walker,
die kompakten Filzpantoffeln und die Gästepantoffel-Set oder nur Gästepantoffel.

Natürlich machen auch die Billigmärkte dem kleinen Unternehmen zu schaffen,
gerade am Beispiel des Pantoffel-Sets, „aber vergleicht man die Qualität, so sind
unsere doch denen der Billiganbieter weit überlegen“, sagt Christine Müller mit
einem Augenzwinkern.
„Wir haben einen privaten Kundenstamm in der Region und darüber hinaus, der
die Produkte schätzt und im Betriebsverkauf diese erwerben kann. Besonders
Hausschuhe mit Filzsohlen haben ihre Liebhaber, weil es diese im Handel eher
selten zu kaufen gibt. Der Renner in dieser Saison waren die Einlegesohlen aus
Filz“.

„Im Frühjahr und Sommer läuft es eher ruhig, da produzieren wir auch 'auf
Halde', um für die Herbst- und Wintersaison gerüstet zu sein. Denn der Einzel-
handel ordert lange nicht mehr im voraus, sondern bestellt die Ware, wenn sie
gebraucht wird und dann sollte der Liefertermin möglichst sofort sein.“

Die Produkte werden bundesweit verschickt, von Hamburg bis nach Oberstdorf,
nach Österreich und auch in die Schweiz.
Wer nun neugierig geworden ist, ist gerne eingeladen zum Vorbeischauen im Werksverkauf.